Schreiben will gelernt sein - Und das von Anfang an! Zum Schreiben gehört eine Vielzahl von Fähigkeiten, die neben der richtigen Stifthaltung und einem adäquaten Fingerdruck auch das Kennenlernen der eigenen Handpräferenz erfordert. Wie sich die Schreibmotorik im Laufe der Jahre entwickelt und wie ihr euer Kind bei dem Erwerb der eigenen Handschrift unterstützen können, zeigen wir in diesem Artikel.
Was ist Graphomotorik?
Die Graphomotorik bezieht sich auf die differenzierte und rhythmische Produktion von Grafiken oder Zeichen, unabhängig davon, ob es sich um Malen oder Schreiben handelt. Sie beginnt mit etwa 18 Monaten und dauert bis zur Einschulung an. Voraussetzung für eine gute graphomotorische Entwicklung ist eine stabile Feinmotorik, denn nur wenn das Kind den Stift halten kann, kann es ihn auch gezielt einsetzen.
Während Kinder im frühen Alter zunächst unwillkürlich kritzeln, entstehen mit zunehmender Reife komplexere Formen, gezielte Linien und erste Buchstaben. Die Entwicklung dieser graphomotorischen Fähigkeiten ist entscheidend für das spätere flüssige Schreiben.
Feinmotorik als Grundlage für Graphomotorik
Unter Feinmotorik versteht man präzise, differenzierte und koordinierte Bewegungsabläufe – etwa der Finger und Hände. Gerade bei der Handgeschicklichkeit kommt es auf Muskelkraft, aber auch auf die Augen-Hand-Koordination an. Kinder müssen über 30 Muskeln und 17 Gelenke koordinieren, um ein Schreibgerät präzise zu führen – eine enorme Leistung für ein kleines Kind.
Übungen zur Förderung der Graphomotorik
Kinder profitieren von gezielten Graphomotorik Übungen, um ihre Schreibfähigkeiten spielerisch und effektiv zu entwickeln. Schon im Vorschulalter können einfache Übungen zur Graphomotorik bei Kindern helfen, den richtigen Stiftgriff, Druck und die Linienführung zu trainieren. Dazu zählen:
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Schwungübungen mit Kreis-, Wellen- oder Zickzackmustern
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Nachzeichnen von einfachen Formen
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Malen innerhalb von Linien oder Begrenzungen
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Zeichnen von Buchstaben und Zahlen mit Hilfslinien
Diese Übungen zur Förderung graphomotorischer Fähigkeiten bilden die Basis für die spätere Schreibkompetenz.
Wie entwickelt sich die Graphomotorik im Kindesalter?
Im dritten Lebensjahr beginnen Kinder, gezielte Linien zu malen – horizontal, vertikal und kreisförmig. Im vierten und fünften Lebensjahr kommen diagonale Linien, Rechtecke und das Ausmalen innerhalb von Flächen hinzu. Kinder lernen, den Stift mit den Fingerspitzen zu führen und Druck gleichmäßig zu dosieren.
Ab dem sechsten Lebensjahr können viele Kinder ihren eigenen Namen schreiben und erste Wörter mit Großbuchstaben darstellen. Mit dem Schuleintritt beginnt die Phase der flüssigen graphomotorischen Bewegung, bei der ein individuelles Schriftbild entsteht.
Schreibmotorik – wenn Graphomotorik automatisiert wird
Die Schreibmotorik ist ein komplexer, automatisierter Bewegungsablauf. Hier werden gespeicherte Bewegungsmuster aus dem Gehirn abgerufen und in flüssige Handschrift umgesetzt. Ist die Graphomotorik gut trainiert, gelingt das Schreiben müheloser und schneller. Ein gleichmäßiger Schreibrhythmus, angemessener Druck und eine entspannte Körperhaltung sind entscheidend für den Schreiberfolg.
Schwierigkeiten, die beim Schreiben auftreten können
Während gut trainierte Kinder gerne und oft zum Mal- oder Schreibstift greifen, fällt es manch anderen Kindern unheimlich schwer, etwas mit einem Pinsel oder Stift zu kreieren. Dem können unterschiedliche Ursachen zu Grunde liegen. Eine ungünstige Stifthaltung kann dazu führen, dass die Kinder zu viel oder zu wenig Druck auf die einzelnen Fingerglieder ausüben, sodass es zu Verkrampfungen in der Handmuskulatur kommen kann. Neben physiologischen Schmerzen im Handbereich, kann es außerdem auch zu Rückenbeschwerden und Müdigkeit durch eine verspannte Sitz- und Schreibhaltung kommen. Wiederholt negative Erfahrungen führen wiederum zu einem Vermeidungshalten, sodass es zu einem Motivationsverlust seitens des Kindes kommen kann.
Was sind die Gründe für eine Verschlechterung der Handschrift?
In den Gründen sehen die Lehrkräfte vor allem die mangelnde Ausprägung der Feinmotorik wie auch die fehlende Übung zu Hause. Das Resultat ist erschreckend. Nicht nur, dass die LehrerInnen die Texte ihrer SchülerInnen immer schlechter entziffern können, auch die SchülerInnen leiden unter diesem Phänomen. Viele können nicht länger als 30 Minuten lang beschwerdefrei mit einer Hand schreiben. Und auch wenn die Bewegungsabläufe nicht so geübt wurden, dass sie sie automatisch abrufen können, führt dies dazu, dass sich die SchülerInnen auch in der weiterführenden Schule immer noch auf die Formbildung der Buchstaben konzentrieren müssen und damit keine Kapazitäten für Rechtschreibung oder Grammatik übrig sind. Dies bestätigt auch die Gesamtschullehrerin Maria-Anna Schulze Brüning, die seit mehr als 25 Jahren Französisch und Kunst in Hamm unterrichtet: “Ich sehe immer wieder Fünftklässler, die zum Beispiel das K von unten nach oben schreiben oder sich Buchstabenverbindungen angewöhnt haben, die einfach nicht funktionieren“. Auch Dr.Christian Marquardt, wissenschaftlicher Beirat im Schreibmotorik Institut sieht die Probleme am Anfang der Schreibausbildung: “Schreibprobleme sind zumeist Probleme der Schreibmotorik. Deshalb sollte diese von Anfang an stärker in den Vordergrund gerückt werden.” Und das scheint ja auch sinnvoll zu sein. Denn wer im Unterricht nicht schnell genug mitschreiben kann oder sich nicht auf den Inhalt konzentrieren kann, der lernt natürlich insgesamt schlechter als seine MitschülerInnen. „Das ganze Lernen macht keinen Spaß, wenn das Schreiben zur Qual wird“, wie Frau Schulze Brüning es treffend zusammenfasst.
Zahlen und Fakten zur Graphomotorik in der Schule
Laut einer Umfrage des Schreibmotorik Instituts und des Deutschen Lehrerverbandes aus dem Jahr 2015 sehen 83 % der Grundschullehrkräfte eine Verschlechterung der Schreibfähigkeiten bei Kindern. 2019 lag dieser Wert bereits bei 89 %. Auch Lehrer an weiterführenden Schulen berichten von abnehmenden Fähigkeiten in der Schreibmotorik.
Die Gründe: mangelnde Übung zu Hause und unzureichend ausgebildete graphomotorische Fähigkeiten. Viele Schüler können keine 30 Minuten beschwerdefrei schreiben oder müssen sich weiterhin auf die Form der Buchstaben konzentrieren – auf Kosten von Inhalt, Rechtschreibung oder Grammatik.
Fazit: Graphomotorik von Anfang an fördern
Die gezielte Förderung der Graphomotorik ist entscheidend für eine erfolgreiche Schulzeit. Wer früh mit Graphomotorik Übungen beginnt, stärkt die graphomotorischen Fähigkeiten seines Kindes nachhaltig. Das Schreiben soll Spaß machen – und das gelingt nur, wenn der Stift als Werkzeug sicher und mühelos geführt werden kann.