Sprache ist der Schlüssel zur Welt, sagte einst der Schriftsteller Wilhelm von Humboldt. Und obwohl jedes Kind die gleiche Reihenfolge beim Erlernen der Laute und der Grammatik durchläuft, ist die Sprachentwicklung bei jedem Kind so individuell wie sein Charakter. Wir zeigen, worauf es bei der Sprachentwicklung ankommt und wie ihr eurer Kind gezielt dabei fördern könnt.
Entwicklung der Sprache bei Kindern: Gemeinsam sprechen lernen
Sprechentwicklung vs. Sprachentwicklung – was ist der Unterschied?
Bei der Sprachförderung sind zwei Entwicklungen zu betrachten. Während sich die Sprechentwicklung auf die Bildung von Lauten, die Betonung der einzelnen Wörter und die Sprechgeschwindigkeit bezieht, wird bei der Sprachentwicklung neben dem Erwerb von grammatischen und lautlichen Regeln der Wortschatz und der Zusammenhang des Gesprochenen berücksichtigt.
Beide Entwicklungen sind wichtig, um die sogenannte “kommunikative Kompetenz” zu trainieren, die übrigens neben all den sprachlichen Fähigkeiten auch die nicht-sprachlichen Fähigkeiten einschließt, wie etwa Gestik und Mimik.
Die vier Ebenen der Sprachentwicklung bei Kindern
Die Sprachwissenschaft unterscheidet bei den sprachlichen Fähigkeiten vier Ebenen, die beim Sprechen natürlich ineinander spielen, aber die auch einzeln betrachtet und aktiv gefördert werden können.
- Phonetisch-phonologische Ebene: Die Lautbildung, Betonung und Position der Laute im Wort.
- Semantisch-lexikalische Ebene: Das Sprachverständnis und der Wortschatz (aktiver vs. passiver Wortschatz).
- Syntaktisch-morphologische Ebene: Grammatikalische Strukturen, Silben- und Satzbildung.
- Pragmatisch-kommunikative Ebene: Die Anwendung der Sprache im sozialen Kontext.
Diese Ebenen greifen beim Sprachtraining für Kinder ineinander und können gezielt gefördert werden.
Die Phasen der Entwicklung der Sprache bei Kindern
Alle Kinder erwerben ihre sprachlichen Fähigkeiten eigenständig. Doch wann ein Kind zu sprechen beginnt, seinen Wortschatz erweitert und erste Sätze bildet, ist individuell verschieden. Die Entwicklung der Sprache bei Kindern verläuft jedoch typischerweise in sechs Phasen:
Phase 1 (U4: 3.-4. Lebensmonat) – Der Start ins Sprechen bei Kindern
Nach der Geburt werden Laute erstmals nur durch ein Schreien ausgedrückt, das vor allem der Kommunikation der Grundbedürfnisse wie Essen, Nähe und Schlaf dient. Ab dem dritten Monat werden die ersten Sprechwerkzeuge wie Zunge, Gaumen und Lippen nun zusammen mit der Stimme ausprobiert und durch Vokallaute und erste Konsonantenbildungen ergänzt. Auch Kehllaute wie Gurren oder Quietschen kommen hinzu. Diese sogenannte Lallperiode ist international und wird von allen Kindern dieser Welt ausprobiert.
Phase 2 (U5: 3.-4. Lebensmonat) – Die ersten gezielten Laute
Wir befinden uns immer noch in der Lallperiode, aber die Laute der eigenen nationalen Sprache werden nun gezielt nachgeahmt. Außerdem kommen Silbenbildungen (wie “ma”) hinzu und die Kinder fangen an, Faktoren wie Tonhöhe und Lautstärke eigenständig zu regulieren.
Phase 3 (U6: 10.-12. Lebensmonat) – Die ersten Worte entstehen
Durch die Bildung der ersten Doppelsilbungen kommt es zur Formung der ersten Worte (wie “ma-ma” oder “wau-wau”). Einwortsätze werden hier bereits gebildet und die Kinder reagieren auch gestisch auf Aktions- oder Gegenstandsbezeichnungen (wie “winke-winke” und “bye-bye”).
Phase 4 (U7: 21.-24. Lebensmonat) – Der Wortschatz wächst
In der vierten Phase können schon mehrere ein- und zweisilbige Dinge und Namen benannt werden (wie “Auto”, “Ball” oder “Papa”). Außerdem können Gegenständen aus Bildern bereits benannt werden (“Wo ist der Hase? - “Da.”).
Phase 5 (U8: 43.-48. Lebensmonat) – Sprachtraining für Kinder durch Geschichten und Lieder
Ab dem dritten Lebensjahr wächst der Wortschatz rasant an (auf ca. 1.200 Wörter). Kurze Geschichten und Erlebnisse können wiedergegeben werden, Lieder und Reime werden gelernt und auch der Gebrauch von Nebensätzen ist hier bereits üblich. Die Lautbildungen sind in dieser Phase aber oft noch nicht abgeschlossen, sodass es üblicherweise noch zur Verwechslung von verschiedenen Anlauten kommt (z.B. T-K-Verwechslung wie in “Tinerdarten”).
Phase 6 (U9: 58.-64. Lebensmonat) – Die Sprachentwicklung ist weitgehend abgeschlossen
Sowohl die Form als auch die Struktur der Sprache sind nun ausgebildet und der Wortschatz auf ca. 2.100 Wörter angewachsen. Pragmatische Äußerungen wie Lob oder Kritik können geäußert werden und auch kompliziertere syntaktische Sprachstrukturen wie die Verwendung der verschiedenen Präpositionen und die Nutzung der unterschiedlichen Zeitformen sind hier bereits möglich.